Nikolai Odebralski: Strafverteidigung im Sexualstrafverfahren

Eine Rezension:

Der Essener Rechtsanwalt Nikolai Odebralski gehört zu den wenigen deutschen Strafverteidigern, die die Verteidigung im Sexualstrafverfahren zu ihrem Spezialgebiet erklärt haben.

Nach langjähriger Erfahrung im Bereich Sexualstrafrecht und zahlreichen Mandaten legt Odebralski jetzt ein Buch zum Thema vor. Es richtet sich vor allem an andere Rechtsanwälte, die er ermutigen will, sich mit diesem schwierigen und gesellschaftlich hoch sensiblen Rechtsgebiet zu befassen. Viele Juristen würden es aus Angst um den eigenen Ruf vermeiden, potentielle Sexualstraftäter zu vertreten, schreibt Odebralski. Für den Rechtsstaat sei das aber umso wichtiger, denn: Der Verdacht, einen materiellen Rechtsbruch begangen zu haben, nehme niemandem den Anspruch auf ein faires Verfahren und damit einen Verteidiger.

Nikolai Odebralski verfolgt mit seinem Buch einen anderen Anspruch als den eines objektiven Fach- oder Lehrbuchs oder eines juristischen Kommentars. Das zeigt sich schon an der konsequenten Perspektive des Strafverteidigers, aus der er schreibt. Damit macht er auch klar, an wen er sich richtet und was er bezweckt. Das Buch von Nikolai Odebralski ist ein Praxishandbuch für Rechtsanwälte, eignet sich aber aufgrund des juristischen Tiefgangs ebenfalls hervorragend als Nachschlagewerk für Richter und Staatsanwälte. Es sammelt Quellen, Beispiele und Urteile, die der Autor mit seiner umfangreichen Erfahrung ergänzt. Er gibt dabei auch explizite Tipps für andere Verteidiger in Sexualstrafverfahren und zeigt Besonderheiten, deren Rolle in anderen Rechtsgebieten eher untergeordnet ist. Beispielsweise widmet er sich ausführlich dem Verhältnis des Verteidigers zu seinen Mandaten und auch den anderen Verfahrensbeteiligten und macht deutlich, dass sich dabei andere psychosoziale Dynamiken entfalten können als beispielsweise bei Prozessen zu Eigentumsdelikten.

Der erfahrene Strafverteidiger Odebralski beginnt die Struktur des Buches zunächst mit dem Verhältnis des Verteidigers zu den anderen Verfahrensbeteiligten. Daran wird deutlich wie elementar die bewusste Klärung dieser Verhältnisse für die Arbeit des Verteidigers im Sexualstrafverfahren in seinen Augen ist. Im Anschluss klärt Odebralski die Grundbegriffe und strukturellen Grundlagen des Sexualstrafrechts, das in der juristischen Ausbildung ansonsten keine Rolle spielt. Dabei geht er ausführlich auf den 2016/2017 reformierten § 177 des Strafgesetzbuchs ein und erläutert die Auswirkungen der Reform und insbesondere den sogenannten neuen Nötigungstatbestand.

Im Sexualstrafverfahren kommt der Prozess-Konstellation Aussage gegen Aussage eine herausgehobene Bedeutung zu, weil sie im Vergleich mit anderen Strafprozessen überproportional oft auftritt. Nikolai Odebralski trägt dieser besonderen Bedeutung in seinem Buch Rechnung. Auf knapp 100 Seiten untersucht er die Konstellation der entgegenstehenden Aussagen minutiös, erklärt wissenschaftliche Hypothesen, erläutert die Bedingungen für Sachverständigengutachten und zählt die Anforderungen für die richterliche Beweiswürdigung in dieser besonderen Situation auf.

Nach einem kurzen Kapitel zu möglichen Geständnissen widmet sich der Autor der Strafzumessung und ihren Vorschriften sowie den Einflussfaktoren bei der Bestimmung der Strafhöhe.

Im letzten Teil geht es vor allem um das berechtigte Diskretionsinteresse von Beschuldigten. Der Anwalt erläutert Möglichkeiten, ein Verfahren zügig und möglichst frei von öffentlicher Aufmerksamkeit zu führen oder bereits im Vor- oder Zwischenverfahren zu beenden. Auch für den Umgang mit öffentlichem Interesse vor und während einer Hauptverhandlung gibt Odebralski nützliche Tipps.

Den Abschluss des Buches bildet ein kurzer Statistik-Teil, in dem der Autor vor allem auf die polizeiliche Kriminalstatistik und deren Aussagekraft eingeht. Besondere Bedeutung kommt dabei falschen sexualstrafrechtlichen Beschuldigungen zu.

Nikolai Odebralski ist es gelungen, viel Wissen und Erfahrung zum Sachgebiet in einem kompakten Handbuch zu komprimieren. Für Verteidiger, die bisher wenig Erfahrung mit der Vertretung Beschuldigter im Sexualstrafverfahren haben, ist das knapp 240 Seiten starke Werk geradezu ein Muss, weil es neben dem juristisch-fachlichen Update sehr nützliche Bausteine einer souveränen und kompetenten Verteidigung liefert und zudem praktische Tipps für das Verhältnis zu den anderen Verfahrensbeteiligten ebenso enthält wie für den Umgang mit (medialer) Öffentlichkeit.

Weitere Informationen:

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